Die Multiple Sklerose (MS) ist die häufigste entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Besonders in der westlichen Welt, also in Nord- und Mitteleuropa sowie in Nordamerika, ist MS sehr häufig. Allein in Deutschland sind zirka 120.000 Menschen an MS erkrankt.
Vielschichtige Krankheit
Charakteristisch für die Krankheit sind klar abgegrenzte Entzündungsherde im Gehirn und im Rückenmark (Abb. 1). Je nachdem, welcher Bereich des Nervensystems von diesen Entzündungen betroffen ist, entstehen unterschiedliche Beschwerden und Symptome. So können Lähmungen, Empfindungs- und Sehstörungen, aber auch Koordinations- und Gedächtnisprobleme auftreten. In unseren Breiten treten diese mit der MS einhergehenden Beschwerden meist in Schüben auf, die sich mit nahezu beschwerdefreien Zeiten ablösen.
Trotz der jahrzehntelangen Erforschung der Multiplen Sklerose ist nach wie vor nicht eindeutig geklärt, wie die Krankheit entsteht und was sie zum Ausbruch bringt. Dies liegt zum Teil an den besonders schwierigen Forschungsbedingungen: Die Krankheitsherde sind im empfindlichen Hirngewebe eingebettet und somit beim Menschen für wissenschaftliche Untersuchungen unerreichbar. Noch mehr als andere Zweige der Medizin ist die MS-Forschung daher auf geeignete Tiermodelle angewiesen, um die Krankheit zu untersuchen. Mit der gebotenen Vorsicht lassen sich die Erkenntnisse aus solchen Studien auf den Menschen übertragen.
Mittlerweile spricht vieles dafür, dass MS durch eine Autoimmunreaktion ausgelöst wird: Immunzellen, die den Körper eigentlich vor Gefahren wie Viren, Bakterien oder Tumoren schützen sollen, attackieren stattdessen körpereigenes Nervengewebe. Was diese Immunzellen aktiviert, wie sie es schaffen in das Hirngewebe einzudringen und welche Zielstrukturen die Immunzellen im Nervensystem erkennen und angreifen, das untersuchen Hartmut Wekerle und seine Mitarbeiter der Abteilung „Neuroimmunologie“ am Max-Planck-Institut für Neurobiologie in Martinsried. Ziel der Arbeiten ist es, die grundlegenden Abläufe und Mechanismen der Multiplen Sklerose zu verstehen. Einmalig über die Grenzen Deutschlands hinaus ist dabei die enge Kooperation zwischen Grundlagenforschern und Medizinern. Der rege Austausch von Informationen, Daten und Ideen zwischen den Mitarbeitern des MPI für Neurobiologie und Wissenschaftlern des Instituts für Klinische Neuroimmunologie der LMU München, geleitet von Reinhard Hohlfeld, ermöglicht eine MS-Forschung buchstäblich „von der Laborbank bis zum Krankenbett“. Das auf diese Weise erarbeitete Wissen kommt letztendlich immer dem Patienten zugute.
Fehlgeleitete Immunzellen
T- und B-Zellen des Immunsystems sind essentiell für die Abwehr von Krankheitserregern. Dabei stellen T-Zellen eine Art Sofortmaßnahme dar – sie erkennen Erreger, aktivieren die Immunantwort und lösen so die Zerstörung der schädlichen Zellen aus. B-Zellen reagieren dagegen auf einen Erregerkontakt, indem sie sich sehr rasch teilen und eine große Menge speziell auf den Erreger zugeschnittener Antikörper produzieren. Diese binden an die Zielstruktur des Erregers und leiten so dessen Zerstörung ein. Durch das gezielte Zusammenspiel von T- und B-Zellen können Krankheitserreger schnell und effektiv bekämpft werden.